Çiğdem Aky – Simurgh
(10. Oktober 2026 – 14. November 2026)

Ihre Arbeiten entstehen aus dem Moment heraus. „Für mich geht es darum, etwas zu fühlen und eine unmittelbare Erfahrung mit dem Werk zu machen“, so die Münchner Künstlerin Çiğdem Aky. Dieser Auseinandersetzung möchte sie im Vorfeld keine Grenzen setzen, etwa durch eine auferlegte Erklärung oder vorgefasste Geschichte. Sie möchte weder ihr eigenes Schaffen noch die Wahrnehmung des Betrachters limitieren. Die gezeigten Malereien sollen ihre Wirkung daher frei entfalten dürfen, eingebettet in den Ausstellungstitel Simurgh, aber keinesfalls in dessen Mythos gefangen oder daraus entstanden.

Çiğdem Aky möchte einen Raum schaffen, in dem man ihr Werk zunächst einmal wahrnehmen, fühlen und auf sich wirken lassen kann – es nicht unbedingt verstehen muss. „In dem Moment, in dem ich einem Bild eine konkrete Bedeutung zuschreibe, entsteht zugleich eine Grenze für die Wahrnehmung des Betrachters. Für mich ist es wichtig, in der Kunst nicht zu vergessen, dass sie auch etwas Geistiges ist. Kunst funktioniert nicht ausschließlich über das Denken und Verstehen.“

Auch in ihrem eigenen Arbeitsprozess spielt diese unmittelbare Erfahrung eine zentrale Rolle. „Ich reagiere auf das, was gerade auf der Leinwand geschieht. Versuche, im Moment zu bleiben. Dabei entsteht ein Dialog zwischen mir und dem Bild – zwischen mir, der Farbe und der Materialität.“ Aus dieser direkten Auseinandersetzung heraus entwickelt sich die Arbeit, aus dem jeweiligen Augenblick. „Dabei wird auch meine Bewegung sichtbar, die Bewegung meines Körpers, meine Entscheidungen, mein Zögern, mein Eingreifen und mein Loslassen.“ Es ist ein Prozess, bei dem nicht alles von Anfang an festgelegt oder geplant ist. „Deshalb möchte ich meine Arbeiten auch nicht auf eine bestimmte Geschichte oder eine eindeutige Aussage reduzieren.“

In ihren abstrakten Werken konzentriert sich Aky auf Form, Farbe – die sie intuitiv wählt – und Licht. Die ausgestellten Bilder sind mit Öl auf Leinwand gearbeitet, nass in nass. Diese Technik erlaubt es ihr, samtweiche Farbübergänge zu schaffen, alles fließt. Losgelöst hat sie sich bei diesen neuesten Arbeiten vom sonst streng definierten geometrischen Kern. Das mittige Element wird nun von den weichen Kanten und Rundungen der breiten Pinselstriche in seine Form gebracht, dehnt sich aus oder ist vereinzelt sogar gänzlich verschwunden.

„Seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiv mit der Suche nach Erkenntnis.“ Dabei widmet sich Çiğdem Aky zunehmend der Frage, wie wir etwas erfahren und wahrnehmen können, ohne es sofort intellektuell erklären oder in Worte fassen zu müssen. „Zugleich verstehe ich, dass Besucherinnen und Besucher nach einem Zugang, einer Geschichte oder einer Bedeutung suchen. Deshalb wollte ich dieser Ausstellung den Mythos des Simurgh mitgeben. Nicht als Erklärung meiner Arbeiten – das Epos ist nicht Ausgangspunkt meiner Malerei –, sondern als Gedankenraum, den jeder für sich betreten kann.“

Für Aky selbst liegt die Botschaft des Simurgh darin, dass uns niemand den Weg zur Selbsterkenntnis abnehmen kann: „Niemand kann uns von außen zu dem machen, was wir in unserem Innersten bereits sind. Wir suchen und erwarten oft jemanden, der uns rettet, führt oder uns den richtigen Weg zeigt. Wir richten unseren Blick nach außen und hoffen, dort die Antwort zu finden.“ So auch die Tausenden von Vögeln, die sich in der mystischen Erzählung von Fariduddin Attars (1136–1220) „Vogelgespräche“, auch bekannt unter „Die Konferenz der Vögel“, auf die Suche nach ihrem Königsvogel und Herrscher machen. Eine gefährliche Reise voller Hindernisse und Verluste. Am Ende das Unerwartete: Der gesuchte Simurgh ist keine äußere Gestalt. Letztlich begegnen die verbliebenen dreißig Vögel (auf Persisch si murgh) sich selbst. Çiğdem Aky: „Vielleicht besteht die eigentliche Reise deshalb nicht darin, etwas zu finden, sondern darin, uns selbst zu erkennen.“

Text: Natalie Kreutzer Fotos: Günter König